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2008-07-02 14:55
"Friedensmarsch Srebrenica 2008"Wir bitten alle Interessenten für die Teilnahme am diesjährigen "Friedensmarsch" im Rahmen der Kennzeichnung des 13.Jahrestags vom Genozid in Srebrenica
2008-06-17 12:54
Die "Potocari-Urkunde" 2008Anlässlich des Vorschlags für die Verleihung des Preises "Die Potocari-Urkunde" 2008 an die Müttervereine aus Srebrenica
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Aussage eines Überlebenden eines der Massaker in Srebrenica
"Ich lebte in Srebrenica, wo ich auch von Krieg überrascht wurde. Ich schloss mich sofort der Verteidigung der Stadt an. Bei der Armee Bosniens und Herzegowinas war ich bis zur Ankunft der UNPROFOR-Truppen 1993. Dann wurde ich der Zivilen Verteidigung übergeben, wo ich bis zum Fall von Srebrenica im Juli 1995 tätig war. Gleich nach der Ankunft von UNPROFOR wurde ein großer Teil der Soldaten entwaffnet. Im Juli 1995 als die Serben Srebrenica angegriffen hatten und als Srebrenica als gefallen erklärt wurde, mussten wir mit unseren Familien die Häuser verlassen und in Richtung des freien Territoriums bzw. Tuzla gehen. Die Strecke zwischen Srebrenica und Tuzla ist ca. 120-150 km lang, der Weg war aussschließlich über das serbisch-gehaltene feindliche Territorium.
Die gesamte wehrfähige Bevölkerung bekam den Befehl, über die Wälder zum freien Gebiet zu gehen. Frauen, Kinder und Ältere sollten in Richtung des Camps des holländischen Bataillons gehen, das in Potočari untergebracht war. Am 11. Juli um ca. 19.00 Uhr gingen die Männer von zu Hause in Richtung der Wälder los. Von unseren Familien haben wir uns auf einem Berg, genannt Brestova Ravan, getrennt. Dieser Abschied fiel uns sehr schwer.
Wir alle, die über die Wälder gehen wollten, versammelten uns bei einem Dorf, genannt Šušnjari. Nach meiner Schätzung waren dort 13.000 – 15.000 wehrfähige Männer versammelt. Es wurde befohlen, wir sollen die serbischen Hinterhalte auf Ravno Buljim während der Nacht passieren, so dass wir schon während der Nacht einen großen Teil der Strecke und sogar auch die Asphaltstraße in Konjević Polje hinter uns bringen sollten. Wir haben dies jedoch nicht geschafft. Wir waren erst beim Morgengrauen soweit, diese Barrikaden zu passieren. Das war am 12. Juli sehr früh am Morgen. Die Kolonne war sehr lang. Wir liefen einer hinter dem anderen, so dass die Kolonne 10-15 km lang war.
Den ganzen Tag (Mittwoch – 12.07.) stießen wir auf Hinterhalte. Gleich nach Buljim gab es bei einem Bach einen Hinterhalt, so dass dort viele Männer umgekommen sind.
Ich sah, wie 30-40 Verwundete auf einen Berg, wo wir Rast gemacht haben, getragen wurden. Dieser Berg hieß Kameničko brdo. Dort gruppierten wir uns um und aßen ein wenig.
Es wurde abgemacht, dass wir mit der Dämmerung diesen Ort verlassen sollten. Auf einmal hörte man aber eine ganz starke Detonation. Ich erinnere mich daran, dass es von allen Seiten gedröhnt hat. Man wusste gar nicht, was und woher es schoss. In dieser Gruppe blieb ich sehr lange auf dem Boden neben einer Buche liegen. Als ich aufstand, sah ich, dass eine Masse von Menschen in diesem Wald tot und verwundet auf dem Boden lag. Einige von ihnen suchten nach Wasser, andere schrien vor Schmerzen, so dass dort ein allgemenes Chaos herrschte. Man konnte nicht einander helfen. Einige beklagten sich darüber, dass Giftgase eingesetzt wurden und dass Wasser aus diesen Bächen getrunken worden war. Ich sah auch, dass eine große Zahl von Menschen Anzeichen von Verrücktheit zeigte. Dort traf ich auf meinen Bruder und meinen Cousin, der verwundet war und uns um Hilfe bat. Wir leisteten ihm sofort Hilfe. Wir fingen wieder an, Verwundete auf eine Wiese zu bringen, um die Reise nach Tuzla fortsetzen zu können. Es gab aber kein Kommando mehr. Jeder tat das, was er für richtig hielt. Man lief praktisch über die Toten, so dass auch eine große Zahl von Verwundeten dort geblieben ist. Ich und mein Bruder haben es gerade geschafft, unseren Cousin auf die Wiese zu bringen, als schon wieder eine große Schießerei begann, so dass ich mich wieder von meinem Bruder trennen musste, von dem ich nie wieder etwas gehört habe. Ich trug meinen verwundeten Verwandten. Dabei traf ich auf einige Nachbarn, die mir beim Tragen halfen. Von ihnen habe ich seitdem auch nichts mehr gehört. Wir setzten die Reise mit den Verwundeten fort. Wir waren von der größeren Gruppe getrennt und kamen so bis zu einer Schule. Es war Nacht und wir kannten uns in der Gegend nicht aus. Diese Schule befand sich im Dorf Burnice. Von dort konnten wir nicht weiter, da sehr dichter Nebel aufkam und wir die Verwundeten dort nicht liegen lassen konnten. Die Gruppen wurden immer kleiner. Am nächsten Morgen, den 13.07. wollten wir weitergehen, konnten es aber nicht, da wir von allen Seiten von Serben umzingelt waren. Sie riefen uns per Megaphon zu, wir wären umzingelt und könnten nirgendswohin gehen. Es begann ein starker Beschuss. Sie fielen ins Gebäude ein und führten kleinere Gruppen der Verwundeten ab. Ich war auch in einer dieser Gruppen. Wir brachten die Verwundeten auf eine Straße. Dies war in Sandići. Sie fingen sofort an, uns zu malträtieren und zu ohrfeigen. Wir gaben ihnen alles, was wir hatten (Geld, Gold, Waffen und anderes).
Wir sahen einen weißen Transporter auf der Straße Kravice – Konjević Polje. Es war ein weißer UN-Transporter. Die Tschetniks trugen Anzüge der UNPROFOR-Soldaten und hatten Helme auf dem Kopf. Die Kolonne der Zivilisten und der Verwundeten machte sich auf den Weg zu Konjević Polje. Ein Fahrzeug fuhr neben der Kolonne. Die serbischen Soldaten sagten, dies wäre ihr Kommandeur, so dass wir anhalten und die Hände hinter dem Kopf verschränken mussten. Sie setzten das Misshandeln fort. Die Verwundeten, die wir tragen mussten, baten um Wasser, da es sehr warm war. Wir liefen eine Stunde lang bis Konjević Polje. Dort bekamen wir von einem serbischen Offizier den Befehl, die Verwundeten auf der Asphaltstraße liegen zu lassen und in ein Gebäude auf der rechten Seite hineinzugehen. Dies war das Handelszentrum in Bau in Konjević Polje. Dort bekamen wir auch Wasser in Eimern und mussten es trinken. Wir hielten uns dort nicht lange auf, da wir sofort den Befehl bekamen, in die Lastwagen zu steigen.
Ich sah drei neben dem Gebäude geparkte Lastwagen. Sie standen in Richtung Nova Kasaba. Man lud uns wie Vieh in die Lastwagen, schlug uns und fluchte dabei. Die Lastwagen waren groß und mit Planen überdeckt. Alle Verwundeten, die wir getragen hatten, blieben seitlich der Straße liegen. Ich hörte einen Tschetnik-Offizier sagen, dass sie ab jetzt die Versorgung der Verwundeten übernehmen würden. Als die Lastwagen voll waren, fuhren sie in Richtung Nova Kasaba ab. Wir kamen bis zum Sportplatz beim Cafe Džuguma in Nova Kasaba. Die Lastwagen hielten dort an, und die Tschetniks fingen an zu rufen und zu schreien, wir sollen rauskommen. Dort mussten wir alle Taschen und Rucksäcke, in denen sich Nahrung befand, auf einen großen Haufen von Taschen werfen. Wir wurden von anderen serbischen Soldaten am Eingangstor des Sportplatzes empfangen. Ich sah dort am Eingang einen Serben aus Podravanja, Gemeinde Srebrenica. Eine P.M. in den Händen haltend und sie auf uns richtend, empfing er uns. Ich traute mich nicht, ihn anzusprechen. Der Sportplatz war voller gefangener Männer aus Srebrenica, die dort saßen und die Hände hinter dem Kopf verschränkt hielten. Wir aus dem Lastwagen, in dem ich gefahren bin, und den anderen Lastwagen bildeten eine neue Reihe und setzten uns hin. Wir waren von serbischen Soldaten umzingelt, die auf uns Waffen gerichtet hielten. Bald kam ein grau- maslinfarbener Transporter und hielt neben dem Sportplatz an. Ein Mann in einem Armeehemd mit Rangabzeichen kam heraus und wandte sich an uns. Es war ein großer Mann mit einem roten Gesicht, frisch rasiert, mit starkem Knochenbau. Er fragte uns, ob wir ihn kennen würden. Dann stellte er sich uns selbst vor und sagte, er wäre Ratko Mladić, General der serbischen Armee. Er fragte sofort: 'Wo ist euer Kommandeur Naser Orić? Seht ihr nicht, dass man euch verlassen hat? Warum lässt ihr euch töten, ergebt euch unseren Soldaten. Alle verden ausgetauscht werden. Wir werden euch in die Krajina Fikret Abdić geben oder nach Batkovići ins Lager bringen? Eure in Tuzla wollen euch nicht.'
Dann fing er an, uns zu beleidigen und zu fluchen. 'Balije, ihr stirbt. Ihr habt keinen Staat, wofür kämpft ihr?' Dies geschah alles noch am 13.07. gegen 19.00 Uhr abends.
Dann hörte ich Mladić sagen: 'Jetzt werden Euch unsere Soldaten übernehmen und werden Euch unterbringen, so dass ihr Euch ausruhen könnt. Ihr werdet Wasser und Nahrung bekommen.'
Wir mussten wieder auf die Lastwagen steigen. Unsere Taschen konnten wir jedoch nicht mitnehmen. Wir sahen, wie Lastwagen mit Frauen und Kindern in Richtung Milići fuhren. Wir setzten uns wieder in die Lastwagen, einer dem anderen in den Schoß. In meinem Lastwagen waren 120 Menschen. Die Lastwagen fuhren wieder zurück von Konjević Polje nach Bratunac. Wir hielten in Kravica vor dem Einkaufsladen seitens der Straße an.
Ich saß am Ende des Lastwagens, so dass ich durch einen Spalt der Plane am Lastwagen auch nach draußen sehen konnte. Ich sah dort noch zwei andere Lastwagen neben unserem stehen. Dort wurden wir wieder von Tschetniks empfangen. Sofort fingen sie an, Namen bestimmter Männer, Mitglieder bestimmter Familien oder Einwohner bestimmter Orte/Siedlungen aufzurufen, so z.B. die Familie Orić und andere. Es wurde langsam dunkel.
Ich sah wieder einige Serben, die ich gut kannte. Sie suchten nach bestimmten Moslems.
Ich sah, dass sie vom Lastwagen, in dem ich mich befand, schon 5 Männer geholt hatten, und wie sie sie zuerst schlugen und dann erschossen. Die Menschen baten um Wasser, aber niemand kümmerte sich darum. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie Männer ihren eigenen Urin tranken. Einem Nachbar von mir stießen sie ein Pistolengewehrlauf in den Mund, um ihn zu erschießen.
Die Nacht vom 13. auf den 14. 07. verbrachten wir in den Lastwagen auf der Straße. Die ganze Nacht durch hörte man Schreie und Jammerlaute von Menschen, die sie abgeführt, getötet und sich an ihnen ausgelassen hatten.
Am Morgen des 14.07. brachten sie uns Wasser in Eimern, welches wir wieder trinken mussten. Dieses Wasser war weiß, ich denke es war vergiftet. Von diesem Wasser wurde einem der Mund noch viel trockener. Ich sah, dass einige Menschen plötzlich Anzeichen von Verrücktheit zeigten. Die Planen waren noch immer fest gespannt, die Sonne brannte stark auf diese. Volle 24 Stunden konnte sich niemand in den Lastwagen rühren. Am Nachmittag des 14. 07. sagten sie uns, dass wir in das Lager Batkovići gebracht werden sollen. Die Lastwagen fuhren in Richtung Zvornik los. Die Laster fuhren einer nach dem anderen. Bei jedem Lastwagen standen vorne jeweils zwei Serben und richteten Waffen auf den vor ihnen fahrenden Lastwagen; falls jemand herausspringen würde, würden sie sofort auf ihn schießen.
Ich kannte mich gut aus in dieser Gegend und sah, dass wir in Zvornik angekommen waren. Dort wurden wir von serbischen Frauen und Kindern erwartet, die uns mit Steinen und Flaschen bewarfen.
Von dort setzten wir unsere Reise nach Karakaj fort, wo sich die Fabrik Glinice befand. Wir fuhren aber an der Fabrik vorbei und bogen links ab. Die Straße war dort noch asphaltiert. Wir fuhren nicht lange und kamen bei einer Schule an. Dort entstand sofort Panik, man hörte Geschrei. Die Tschetniks fingen an, auf uns zu schießen. Als ich vom Lastwagen stieg, sah ich auf der rechten Seite Garagen mit Türen aus Blech. Wir mussten in einer Reihe neben den serbischen Soldaten laufen, und sie schlugen auf jeden Vorübergehenden ein. Nach ihrem Befehl mussten wir singen: 'Srebrenica gehört den Serben', 'Hoch lebe der serbische Staat' und andere serbische Lieder. Die Hände mussten wir verschränkt hinter dem Kopf halten. Als ich die Schule betrat, sah ich eine Tafel, auf der stand: Grundschule Petkovci.
Wir mussten in den ersten Stockwerk. Die Klassenräume waren voller gefangener Männer aus Srebrenica. Ich ging in den Klassenraum Nr. 3 im ersten Stockwerk. Alle drei Klassenräume waren voll. Als ich hineinging, sah ich zwei zusammengeschlagene Männer auf dem Boden liegen. Sie waren blutüberströmt und gaben keine Lebenszeichen von sich.
In den Klassenräumen waren die Fenster geschlossen, wir saßen einer neben dem anderen auf den Fliesen. Es gab keine Tische und Stühle. Nur die Tafel stand noch. Dort wurden wir wieder befragt und malträtiert. Sie forderten Geld von uns und sagten uns, alle, die ihnen kein Geld geben, werden abgeschlachtet. Die ganze Nacht hörte man draußen Schüsse. Wir konnten nicht heraus. Die Menschen suchten nach Wasser, sie gaben uns jedoch keines. Viele wurden gefoltert und gequält. Die Männer mussten schon wieder ihren eigenen Urin trinken. Dies geschah alles noch spät in der Nacht des 14.07.
Dann befahlen sie uns, immer zu viert den Raum zu verlassen. Männer gingen und kamen nicht zurück. Mein Nachbar Salih Mehmedović, der um Wasser bat, kam nicht mehr zurück. Ich hörte nur einen Schuss.
Ich selbst fühlte Übelkeit und rückte näher ans Fenster, um mehr Luft zu bekommen. Es war sehr heiß und stickig. Dort habe ich dann wahrscheinlich auch das Bewusstsein verloren. Als ich das Bewusstsein wieder erlangte, sah ich, dass im Raum, in dem anfänglich sicher 200 Menschen waren, es nur noch ca. 20 Männer gab. Ich sah dann auch den vorher erwähnten zusammengeschlagenen Mann. Es war ein Verwandter von mir. Sein Name war Ademović Munib. Er hatte sich schon ein wenig erholt, er war aber noch immer blutüberströmt.
Ich kam auch sofort an die Reihe und musste hinaus, da man uns aufgerufen hatte. Ich ging zusammen mit Bećirević Kadrija hinaus. Auf dem Flur standen vier fluchende Tschetniks, die uns sofort befahlen, den Oberkörper freizumachen. Ich entkleidete mich und legte meine Dokumente auf einen Haufen ab. Darunter waren mein Diplom, mein Führerschein, meine Krankenversicherungskarte und andere Dokumente. Die Kleidungsstücke mussten wir auf eine anderen Haufen legen. Die Taschen der Hosen mussten nach außen gestülpt werden. Schuhe und Socken mussten wir auch ausziehen. Sie fesselten uns die Hände auf dem Rücken und schlugen uns wieder. Dann brachten sie uns in einen anderen, dunklen Raum. Dort erkannte ich sehr viele Nachbarn, die ich gut kannte. Dies waren Pilav Zaim, sein Sohn – Pilav Azem, Omić Ševko, Krdžić Sead, Ademović Šaban, Gabeljić Šećan, Fejzić Ramo, Tursunović Fahrudin, Bektić Mehmedalija, Krlić Safet und viele andere, die nie wieder irgendwo erschienen sind. Sie hielten uns dort eine gewisse Zeit so gefesselt. Später im Laufe der Nacht mussten wir dann, so gefesselt, nackt und barfuß wieder in die Lastwagen steigen. Wir mussten rennend die Treppen runterlaufen und den Flur passieren, wo ich dann auch sehr viele tote Männer und Blut auf den Fluren sah.
Die Lastwagen standen am Treppenansatz der Schule. Man fing an, uns am Rücken zu schlagen. Sie schossen uns auf die Füße, so dass es sehr viele Verletzte gab. Sie sagten auch, dass uns Silajdžić auch tot und verletzt haben will. Bestimmt dachten sie an einen Austausch von Leichen. Bećirević Kadrija wurde dort auch verletzt. Der Lastwagen fuhr wieder los. Wir standen im Lastwagen mit gefesselten Händen. Dieser war übervoll, so dass es bebte und schüttelte, während wir haltsuchend einer auf den anderen fielen. Als wir anhielten, sah ich, dass das Gelände beleuchtet war. Man befahl uns, vom Lastwagen zu steigen. Ich sah dort eine Masse von Menschen tot auf einem Feld liegen. Sie gaben uns den Befehl, uns auf den Boden fallen zu lassen. Ich sah ein Dutzend Männer mit Strümpfen über dem Kopf und automatischen Gewehren in den Händen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass es anfing zu dröhnen - ich weiß gar nicht, woher die Schüsse kamen. Ich fiel zwischen die schon Getöteten, während andere wieder über mich fielen. Schießpulver und Kies brannten auf meinen Füßen. Vollkommen bewusst, was geschehen wird, zog ich mich tiefer unter die Toten. Auf einmal fühle ich etwas Warmes mein Gesicht hinunterlaufen. Ich wusste, ich war verwundet, trotzdem versuchte ich aber auch weiterhin, mich zu retten. Um mich herum hörte ich Menschen röcheln und jammern. Auf einmal hörte das Schießen auf, dann ein neuer Befehl und wieder Schüsse und Schnellfeuer. Ich weiß nicht, wie lange das so ging, da ich auch selbst das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich, wie wieder Namen aufgerufen werden. Ich hörte jemanden rufen: 'Schieß, kurzes Schnellfeuer in den Kopf. Du solltest ihn dir mal anschauen, wie schrecklich doch sein Skelett aussieht!' Er fluchte.
Dann kam er auf mich zu, trat mit dem Fuß gegen meinen Kopf und sagte: 'Dieser ist tot.' Dort verlor ich wieder das Bewusstsein.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort so gelegen habe. Ich zuckte einmal zusammen und kam zu Bewusstsein. Ich fühlte zuerst Schmerz in den Armen. Meine Hände waren gefesselt, so dass der Draht sich in die Haut eingeschnitten und dort Wunden gebildet hatte. Ich erinnerte mich sofort an meine Familie und versuchte aufzustehen. Dies konnte ich jedoch nicht, da auf mir und um mich viele Männer lagen. Man hörte die Menschen gurgeln. Beim Versuch aufzustehen, hörte ich jemanden rufen: 'Mein Freund, warte noch ein bisschen, ich lebe auch noch.' Die Tschetniks haben nicht mehr geschossen. Da es beinahe schon dämmerte, dachten sie, dass sie alle getötet hatten. Sie sind so auseinandergegangen und haben uns da liegen lassen, da sie betrunken waren und unter dem Einfluss von Drogen standen. Sie warteten darauf, dass ein Traktor kommt, um die Körper einzusammeln.
Als ich die rufende Stimme hörte, wurde es mir etwas leichter ums Herz. Ich rief ihm zu, dass er, wenn er kann, zu mir kommen sollte. Der Junge kroch auch an mich heran. Dieses Plateau war stark beleuchtet. Ich bat ihn darum, mich zu entfesseln. Aber auch seine Hände waren mit Draht gefesselt. Ich schaffte es zuerst, ihm die Hände zu befreien. Er konnte meine Hände aber nicht befreien, da sie mit zwei Eisendrähten gefesselt worden waren. Wir sahen in dem Momemt Lichter von Maschinen, die mit dem Einsammeln von Leichen begonnen hatten. Ich hörte den Traktor und das Summen der Maschinen und bat diesen Jungen sofort, mich hochzuheben, damit wir fliehen konnten. Wir schritten über Leichen. Es gab auch noch andere noch Überlebende. Sie waren aber alle schwer verletzt. Wir schafften es, so barfuß, nackt und mit gefesselten Händen einen anliegenden Wald zu erreichen. Als wir tiefer in den Wald vordrangen, stießen wir auf eine tiefausgegrabene Grube, die voll von rotem Schlamm war. Wir fanden zwei Steine. Ich sagte diesem Jungen, er soll Stein an Stein schlagen, um so den Eisendraht, der meine Hände verband, durchzutrennen. Er tat dies auch sofort. Als er meine Hände befreit hatte, machten wir uns bekannt. Er fing sofort an, mich zu küssen und sagte mir, er wäre aus Vlasenica. Bis dahin kannten wir uns nicht. In diesem Kanal erfrischten wir uns ein wenig und tranken von diesem trüben und schmutzigen Wasser. Wir blieben dort, bis es hell wurde, da wir die Gegend nämlich absolut nicht kannten und nicht wussten, wo wir uns befinden. Wir hörten wieder Schüsse und das Summen der Maschinen. Als es hell geworden war, versuchten wir, von dort wegzukommen. Wir sahen sofort Maschinen und das Aufladen von Leichen auf einen Traktor, der bald wieder leer zurückkam. Wir konnten nicht sofort sehen, wohin sie die Leichen bringen. Die Maschine war gelb, es war eine Bergarbeitermaschine ULT-160. Der Traktor hatte einen Anhänger und war rot.
Auf den Traktor wurden sofort 15-20 Körper geladen. Wir sahen später, wie sie in den Staudamm für Abwässer der Fabrik Glinice in Petkovci geworfen wurden.
Wir schafften es, von dort wegzukommen und kamen zu einem niedergebrannten und verlassenen Dorf. Dort erfrischten wir uns ein wenig und fanden etwas Nahrung und Obst.
Drei Tage nach diesem Massaker schafften wir es, bis zu den Dörfern in der Umgebung von Zvornik zu kommen. Nackt und barfuß kamen wir in Sapna an. Wir mussten wieder Hinterhalte der Tschetniks passieren, die längs des Flusses Sapna aufgestellt waren. Unser freies Territorium erreichten wir am 18.07.1995."
Aussage einer Frau aus Srebrenica
"Am 11.07.1995 um 14.30 Uhr kam ich mit meinem Ehemann in Potočari an. Im Kreis der Fabrik befanden sich schon Tausende von Menschen. Zwei Nächte verbrachte ich im Offenen.Ich habe auch Ratko Mladić gesehen, der am 12.07.1995 in die Basis kam. Er sonderte Männer von den Frauen ab. Die Mütter schrien und wollten ihre Söhne nicht weggeben. Mein Ehemann wurde am 13.07.1995 um 15.00 Uhr mit anderen Männern und sogar Kindern von 12 Jahren abgeführt.
Die gesamte Zeit des Krieges war ich in Srebrenica. Das Leben dort war außerordentlich hart. Es gab sehr viele Flüchtlinge. Um Srebrenica herum waren Panzer der Jugoslawischen Volksarmee aufgestellt, so dass wir täglich beschossen wurden. Neben der Jugoslawischen Volksarmee kamen auch viele andere paramilitärische Formationen wie 'Arkanovci', 'Šešeljevci', 'Wölfe von der Drina', 'Crvene beretke' nach Srebrenica. Am 01.07.1995 begann die serbische Offensive auf Srebrenica. Am 10.07. verließen alle Flüchtlinge, die in Srebrenica gelebt hatte, die Stadt und gingen in Richtung der Militärbasis in Potočari. Die autochthone Bevölkerung Srebrenicas blieb in der Stadt. Ich bin zusammen mit meinem Ehemann und meinem Sohn in unserem Haus geblieben. Wir haben gehofft, die NATO würde militärisch intervenieren. Am 11.Juli um 14.30 Uhr musste ich das Haus verlassen und bin mit meinem Ehemann in Richtung Potočari gegangen. Die Tschetniks waren schon in die Stadt einmarschiert. Der Kreis der Akkumulatorfabrik, in der die Militärbasis des holländischen Bataillons untergebracht war, war schon voller Menschen, die schrien, weinten und um Hilfe riefen. Zur gleichen Zeit wurde auf der Asphaltstrasse neben mir ein Kind zur Welt gebracht. Viele Menschen haben sich erhängt, die Mehrheit wurde aber seitens der Tschetniks abgeführt. Auch Mädchen wurden abgeführt und vergewaltigt."
Aussage einer Überlebenden aus Srebrenica
"Am 11. Juli 1995 ging ich mit meinem Ehemann und drei Söhnen von 20 bis 24 Jahren aus dem Dorf Bajramovići in Richtung Tuzla über die Wälder. Als wir das Dorf verließen, fing ein Granatenbeschuss an. Es gab viele Verwundete und Tote. Wir kamen im Dorf Kamenica an, wo uns Serben aus einem Hinterhalt aus angriffen. Es kam zu Panik. Wieder wurden wir mit Granaten und Giftgasen angegriffen. Dort wurden meine beiden Söhne verwundet. Der eine wurde in den linken Fuß getroffen. Mein Ehemann und ich verbanden seine Wunde. Der andere wurde im Bereich des linken Lungenflügels getroffen, so dass er nicht mehr laufen konnte. Auch ihn verbanden wir und gingen, ihn tragend, weiter. Den dritten Sohn haben wir während des Panikausbruchs aus den Augen verloren und ihn danach auch nicht mehr gesehen.
Kurz nachdem wir losgegangen waren, kam es wieder zu Panik. Durch einen neuen starken Beschuss gab es wieder viele Tote und Verwundete. Von Panik ergriffen wussten wir nicht mehr, was wir machen sollten. Dort blieben wir stehen. Es war auf einer Wiese in der Nähe des Dorfes Sandići. Mein Ehemann ging zum Teich, um Wasser zu holen, damit wir unseren Durst stillen und unsere verwundeten Söhne erfrischen können. Da es sehr viele durstige Verwundete gab, reichte das Wasser, was er mitgebracht hatte, nicht für alle, so dass er noch einmal zum Teich gehen musste. Er kam jedoch nicht mehr zurück. Meine Söhne konnten nicht laufen, so dass wir dort die Nacht verbringen mussten.
Am Morgen des 13.Juli riefen uns die Tschetniks zum Ergeben auf. Da meine Kinder verwundet waren, hatte ich keine andere Wahl, als mich zu ergeben. Wir fassten irgendwie etwas Kraft und liefen runter auf eine Wiese in der Nähe der Asphaltstraße im Dorf Sandići und ergaben uns dort. Es gab dort in der Nähe ein kleines Häuschen. Da es draußen sehr warm war, ging ich mit meinen Söhnen hinein, ohne zu wissen, was mich da erwartet. Es gab dort noch viele unserer Leute, ich erkannte zum Beispiel die beiden Brüder Abid und Arif aus Kutlić, Hasib aus Rogatica und noch andere, deren Namen ich nicht kenne.
Während wir auf der Wiese in Sandići warteten, wurden viele der Menschen, die sich ergeben hatten, von den Tschetniks abgesondert und in unbekannte Richtung abgeführt. Ein Mann versuchte zu fliehen, die Tschetniks erschossen ihn jedoch dabei.
In der Zwischenzeit kam ein Lastwagen mit Frauen und Kindern aus Potočari. Die Tschetniks hielten ihn an und befahlen uns, auch in diesen zu steigen. Ich kletterte mit meinen beiden verwundeten Söhnen auf den Lastwagen, der nach Tišća fuhr. Wir hofften, wir wären nun gerettet. Als wir in Tišća ankamen, führten die Tschetniks meine beiden Söhne ab. Als ich gesehen habe, wie sie sie abführen, bin ich in Ohnmacht gefallen, so dass ich nicht mehr gesehen habe, wohin sie sie gebracht haben. Als ich wieder zu mir kam, musste ich mit den anderen Frauen und Kindern zu Fuß in Richtung Kladanj gehen. Ich habe gehofft, dass zumindest mein Ehemann und Sohn Mirsad das freie Territorium und Tuzla erreichen werden. Mein Hoffen war jedoch vergebens. Bis heute konnte ich nichts über sie erfahren.
Heute lebe ich allein in Tuzla und hoffe noch immer, dass jemand von den vier vermissten Mitgliedern meiner Familie auftauchen wird."
(Übernommen aus "Der Todessommer von Srebrenica")
Aussage einer Frau über den Fall von Srebrenica
"In Srebrenica wohnte ich in der Nähe des Krankenhauses. Die meiste Zeit verbrachten wir in Kellern, wo wir uns vor serbischen Bomben und Granaten versteckt hielten. Wir lebten ohne Nahrung in einer sehr schwierigen Situation, später kam dann aber Hilfe mit Konvois und aus Flugzeugen. Die Versorgung mit Nahrung besserte sich, es kam jedoch zu einem anderen Unglück. Meine ältere Schwester wurde bei der Suche nach Flugzeugpaketen mit Nahrung getötet. Eine Palette mit Nahrung tötete sie.
Im Juli 1995, nach mehrtägigem Beschuss, griffen die Tschetniks Srebrenica an.
Das Volk war sehr erschrocken und suchte Zufluch im UN-Camp in Potočari. Bei Vezionica wurde ich nach dem Beschuss von meiner Familie getrennt. Es kam zum Chaos, und die Menschen flohen in alle Richtungen. Ein Kind kam um, es gab aber auch viele Verwundete, über die man laufen musste. In diesem Gedränge fand ich eine Freundin. Sie war auch alleine und sehr verängstigt. Wir hängten uns an einen Lastwagen, in dem sich Verwundete befanden und kamen so nach Potočari. Die Verwundeten wurden in der Akkumulatorfabrik untergebracht. Auch wir gingen hinein, denkend, wir wären dort sicher. Später haben wir gesehen, dass es besser gewesen wäre, wenn wir zusammen mit dem Volk außerhalb der Fabrik geblieben wären. Wir wären so eher nach Tuzla gekommen und hätten nicht diese schrecklichen Dinge gesehen.
In der Fabrik verbrachten wir drei Tage und drei Nächte. Am zweiten Tag kam Ratko Mladić und gab einem Kind eine Schokolade. Nach 15 Minuten floh dieses Kind von der Mutter und rief dabei, sie wäre nicht seine Mutter.
Am gleichen Tag sammelten sie die Verwundeten und brachten sie weg, während wir mit vielen Männern in der Fabrik blieben. In der Nacht führten sie Männer aus der Fabrik, und sie kehrten nicht mehr zurück. In keiner dieser Nächte konnte ich schlafen. Um 3 Uhr früh erhängte sich ein Mann. Dies war eine schreckliche Szene. Das Volk wurde von Panik ergriffen. Eine Frau fing an zu schreien und versuchte, sich mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es trat so eine Panik auf, dass man nicht mehr wusste, was geschah.
Als es dämmerte, sagte ich zu meiner Freundin, ich würde Wasser holen gehen. Ich ging durch die Tür, durch die man die vorhergehende Nacht Männer abgeführt hatte. Ich ging hinter einen Lastwagen und sah dort 5-6 abgeschlachtete Männer ohne Köpfe. Den Kopf abwendend, drehte ich mich um und sah vier Tschetniks, wie sie saßen und tranken. Zwei Frauen kamen an ihnen vorbei, eine von ihnen war schwanger. Einer der Tschetniks fragte zornig, woher sie gekommen seien, und sie zeigten nur auf eine Flasche mit Wasser. Dann stand der zweite auf, fasste die Schwangere an den Haaren und schlitzte ihr mit einem Messer den Bauch, aus welchem er zwei Babys herausholte, auf. Ich habe gehört, wie sie es nur noch schaffte zu sagen: 'Mutter, rette mich.' Danach sagte sie kein Wort mehr.
Ich floh zurück zu der Fabrik, ohne Wasser geholt zu haben. Meine Freundin sagte mir, die Evakuierung wäre abgeschlossen und wir müssten dort nun als Gefangene bleiben. Ich entschied mich, diesen Ort zu verlassen. An der Tür waren Seile gespannt. Dort stand auch ein Soldat, der uns nicht gestattete, das Gebäude zu verlassen. Wir sprangen jedoch über die Seile und rannten zum Bus. Während ich rannte, merkte ich, dass ich auf die Hand eines abgeschlachteten Mannes getreten war. Auf der Straße befanden sich ein Bus und ein Lastwagen, um die nur wenige Leute standen. Unweit vom Bus entfernt zog mich jemand am Rücken und rief mich beim Namen. Vollkommen verängstigt drehte ich mich um und sah, dass es mein serbischer Nachbar war. Er fragte mich, wo meine übrige Familie wäre, und ich konnte nur die Achseln zucken, da ich nichts über sie wusste.
Er sagte mir, ich soll in den Bus und nicht in den Lastwagen steigen. Ein Tschetnik rief von der Seite, man soll uns in die Fabrik zurückbringen, mein Nachbar widmete ihm jedoch keine Aufmerksamkeit, sondern brachte uns zum Bus und sagte mir, ich soll den grünen Pullover ausziehen, da man mich der grünen Farbe wegen misshandeln könnte. Wir stiegen in den Bus und fuhren ab.
Meine Freundin war sehr verängstigt, so dass ich sie während der gesamten Fahrzeit ermutigen und zum Aushalten drängen musste. Nach dem Ort Kravica stiegen Tschetniks in den Bus ein und fragten nach einigen Leuten aus Potočari. Sie suchten nach Gold, Geld und Dokumenten, und wer dies hatte, gab es auch ab. Zwei Tschetniks brachten dann ein Mädchen, das ich nicht kannte, in den Bus. Sie war vollkommen nass und mit zerrissener Kleidung. Sie fiel im Bus auf den Boden. Als der Bus losfuhr, ging ich zu ihr und bot ihr an, sich hinzusetzen. Sie weinte und sagte: 'Bringt mich um! Ich wurde vergewaltigt!' Auch ich weinte aus Mitleid für dieses Mädchen. Eine Bekannte kam zu ihr und kümmerte sich bis zum Ende der Fahrt um sie.
Wir kamen bis nach Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave bei Tuzla. Nach zwei Tagen fanden wir auch unsere Familien."
(Übernommen aus "Der Todessommer von Srebrenica")
Aussage einer Frau aus Srebrenica über die Ereignisse am 11.Juli
"Am 11. Juli 1995 wurden wir aus Srebrenica in das UN-Camp in Potočari getrieben. Mein Ehemann, meine Brüder und mein Onkel gingen über Wälder mit den anderen wehrfähigen Männern. Die Tschetniks entwaffneten die Holländer und liefen in ihren Uniformen durch das Volk, wobei sie sagten, dass uns nichts passieren würde.
Am Mittwoch, den 12.Juli, tauchte Ratko Mladić auf. Er begann damit, Saft und Bonbons an die Kinder zu verteilen, dem Volk warf er Brot zu. 'Habt keine Angst, niemand wird euch etwas zuleide tun', sagte er. Er blieb kurz und ging dann. Sofort nach seiner Abreise begannen die Tschetniks damit, Gruppen von Männern abzuführen. Sie suchten sich aus, wen sie wollten. Sie führten verschiedene Leute ab und brachten sie wieder zurück. Einige jedoch kehrten nie wieder zurück. Ich habe gesehen, wie sie vor meinen Augen Nezir aus Tokoljak, der in Srebrenica im Učina-Feld gelebt hat, abführten. Nach ca. 15 Minuten brachten sie ihn zurück. Vor der Abenddämmerung des gleichen Tages wurde er wieder abgeführt und kehrte nicht mehr zurück. Die ganze Nacht über hörte man Geschrei und Hilferufe. Ein Mann rief nach seinem Sohn, dessen Namen man nicht verstehen konnte. Dann habe ich mit meinen Töchtern, meiner Schwiegermutter, Schwester und ihren Kindern und der Schwiegermutter entschieden, gegen fünf Uhr früh aufzustehen. Wir haben uns nicht hingesetzt, bis wir in die Busse eingestiegen sind.
Zehn bis fünfzehn Meter vom Bus und Lastwagen entfernt fassten wir uns an den Händen, um dem Gedränge auszuweichen und einander nicht zu verlieren. Beim ersten Versuch schafften wir es nicht, in den Bus einzusteigen.
Es war so ein Gedränge, dass man es ohne Wasser nicht aushalten konnte. Ich ging zu einem Haus in Richtung von Budak, um dort Wasser zu holen. Es war gegen acht oder halb neun Uhr morgens. Die Sonne schien schon sehr heiß. Viele Menschen gingen in dieses Haus, um Wasser zu holen. Um das Haus herum standen auch Tschetniks, die dem Volk zuriefen: 'Los, los, holt Wasser!'
Im Haus gab es so viel Blut auf dem Boden, dass ich beinahe sagen könnte, es wäre knöcheltief. Überall auf dem Boden lagen verstreut schwarze Gürtel. Die Tschetniks haben wahrscheinlich mit Absicht dieses Haus für den Wasserbedarf geöffnet, damit wir diesen Schrecken sehen müssen.
Als ich Wasser eingoss, erschrak ich so sehr, dass ich am ganzen Körper zitterte. Ich kehrte zurück zu der Menschenmenge.
Meine Töchter und meine Schwiegermutter fingen an zu weinen, da sie Angst hatten, wir würden uns im Gedränge verlieren. Wir gingen los, um zuerst auf einen Lastwagen zu steigen, man sagte uns aber danach, wir sollen in den Bus steigen. Beinahe alle Männer wurden vor den Bussen und Lastwagen von uns getrennt; es war selten, dass sie jemanden durchgehen ließen.
In Bratunac stieg ein serbischer Soldat in unser Bus und fuhr mit uns bis nach Kravica. Als der Bus in Kravica anhielt, um ihn aussteigen zu lassen, bekam ich Angst, da ich mit meinen Töchtern auf dem letzten Sitz saß. Ich fürchtete, man könnte ihnen etwas zuleide tun.
An zwei-drei Orten waren Haufen von Rucksäcken und Säcken unserer gefangengenommenen Männer. Die Männer waren mit nacktem Oberkörper oder in T-Shirts. Diejenigen in Tarnanzügen lagen auf der anderen Seite. Ich weiß nicht, ob sie tot oder lebendig waren.
Einer der Tschetniks sagte: 'Könnt ihr eure Männer erkennen?'
Ich habe den Kopf nicht mehr hochgehoben und konnte auch nicht mehr aufschauen. Bis Milići war ich in einer Art Schockzustand. Als wir durch Milići fuhren, warf man mit Steinen auf uns und beschimpfte uns.
Als wir in Tišća ankamen, kamen ca. zehn Tscheniks aus einer Baracke auf uns zu und sagten neben vielen Schimpfwörtern auch: 'Mensch seid ihr viele, wir können euch ja bis Neujahr nicht alle abschlachten.'
Wir betraten unser Territorium in Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave. Die Frauen weinten und schrien, denn erst da hatte man gesehen, dass keiner der Männer, die in Potočari waren, mit uns gekommen war. Es kamen bloß drei - vier Kinder. Ein achtjähriger Junge wurde zusammen mit seinem Vater in Potočari gefangengenommen. Ihn ließen sie dann gehen, den Vater behielten sie jedoch. Der Sohn von Sead Krdžo aus Osmači war ebenfalls mit uns, während sein Vater in Potočari geblieben war. Von meinen männlichen Familienmitgliedern, die über die Wälder gegangen sind, ist niemand gekommen."
(Übernommen aus "Der Todessommer von Srebrenica")
Aussage einer Frau aus Srebrenica
"Wir ergaben uns der UNPROFOR in Potočari mit der Hoffnung, sie würden uns vor Verbrechen und Misshandlungen schützen. Am ersten Tag in Potočari wurde ich von Tschetnik - Herzögen erniedrigt. Als ich ein Haus betrat, um eine Decke zu suchen, wurde ich von Tschetniks gefangengenommen. Einer von ihnen setzte mir einen Gewehrlauf an den Hals und zwang mich dazu, mit ihm das Haus zu betreten. Er forderte Geld von mir, und als ich ihm sagte, dass ich keines hätte, begann er damit, mich durchzusuchen. Er fand kein Geld und befahl mir, meine Schuhe auszuziehen. Daraufhin fasste er mich bei der Brust und warf mich auf die Treppen. Am Ende sagte er mir, dass ich darüber, was passiert war, mit niemandem sprechen dürfe, da er mich ansonsten in der Menge finden und mir die Kehle durchschneiden würde.
Ich habe diesen Tschetnik, der mich durchsucht und misshandelt hat, erkannt. Es war der Sohn von Drago Gajić. Er fragte mich, woher ich komme, und als ich ihm antwortete, ich wäre aus Cerska, sagte er, dass am Ort Grobić viele ihrer Leute umgekommen wären und dass sie deshalb die "männliche Saat" in Cerska ausrotten würden. Nach diesem Zwischenfall im Haus habe ich mich so erschrocken, dass ich nicht mehr wusste, wo ich mich befinde. Ich kehrte zu unseren Leuten zurück, und sie fragten mich: 'Weshalb bist du denn so bleich?' Ich erzählte ihnen, was passiert war.
Ich bereitete für meine Kinder Brot vor. Mein Ehemann schaute zu, wie sie essen und sagte vorahnend: 'Eßt, vielleicht werden wir nie wieder zusammen essen können!'
Später gingen wir in Richtung der Barrikaden, wo ich unter den Tschetniks einen Lehrer aus Cerska, der aus Milići stammte, erkannte. Er tat so, als ob er niemanden erkennen würde und wandte den Kopf von uns ab. Meinen Ehemann sonderten sie ab, und ich ging alleine mit den Kindern in Richtung der Busse. Nach diesem Tag habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Wenn heute diese Ereignisse zur Sprache kommen, ergreifen mich Angst und Schauder. Ich habe gesehen, wie Zuhdija Turnadžić über eine Wiese rennt. Die Tschetniks schossen auf ihn und riefen ihm zu, er soll stehenbleiben. Dann gingen zwei von ihnen auf ihn zu und befahlen ihm, die Arme hochzuheben. Sie führten ihn in ein Maisfeld ab, und als sie zurückkehrten, habe ich gesehen, wie ein Tschetnik sein blutiges Messer mit Maisblättern abwischt.
In Potočari habe ich noch eine schreckliche Szene gesehen. Auf einer Wiese lagen Männer und Frauen mit durchgeschnittenen Kehlen, neben ihnen schlachtete ein Tschetnik im weißen Mantel eine Kuh. Eine weitere Frau gesellte sich zu mir. Der Tschetnik drehte sich dann um, sprach eine Gotteslästerung aus und sagte: 'Was schaut ihr so? Diese Kuh hat genauso wie die Leute, die hier liegen, Blut gelassen.'
Ich habe viele ältere Menschen aus Cerska gesehen, die von Tschetniks in Potočari abgesondert wurden: Hamid, Šaban, Bego Ibrahimović und Rahman Baltić."
(Übernommen aus "Der Todessommer von Srebrenica")
N.N. - Mädchen aus Srebrenica
"Als Srebrenica gefallen ist, war ich noch sehr klein, aber ich werde trotzdem den Juli 1995 niemals vergessen können. Srebrenica und die umliegenden Dörfer wurden in diesen Tagen konstant beschossen, so dass auch unsere Schulen geschlossen wurden. Ich mochte es, zur Schule zu gehen, da ich dort meine Freundinnen sah und mit ihnen spielen konnte. Die Serben wussten auch schon früher, was in Srebrenica passiert, da sie die Stadt in UNPROFOR-Uniformen betreten hatten.
Diesen Sommer hatte ich die fünfte Grundschulklasse abgeschlossen.
Die Tschetniks griffen zuerst Zeleni Jadar - eine industrielle Siedlung 12 km von der Stadt entfernt - an. Große Menschenkolonnen bewegten sich unter ständigem Beschuss in Richtung Potočari. Meine Eltern glaubten jedoch, dass sich alles noch beruhigen wird und dass es nicht volkommen hoffnungslos ist. Aber auch am nächsten Tag war es nicht besser und wir mussten nach Potočari. Ein Teil der männlichen Bevölkerung wollte über die Wälder zum freien Territorium kommen, dieser Weg wurde aber von einer großen Ungewissheit begleitet. Nach der Ankunft in Potočari brachte man uns in einer großen Fabrik unter. Wir waren verängstigt und wussten nicht, was wir machen sollten. Plötzlich tauchte ein Tschetnik in einer UNPROFOR-Uniform auf und begann zu schreien und zu drohen: 'Niemand wird die Fabrik verlassen, ohne dafür mit Blut zu bezahlen' schrie der Tschetnik die Masse der verschreckten Frauen, Kinder und Greise an.
In dieser Nacht konnten wir wegen der Schreie, die von allen Seiten drangen und sich in der Tiefe der Nacht verbreiteten, nicht schlafen. Von den Bergen kam das Echo der Schreie zurück und verlieh ihnen einen noch schrecklicheren Laut. Männer und Knaben wurden aus der Fabrik hinausgeführt und nicht mehr zurückgebracht. Niemand wusste, was mit ihnen passierte. In meiner Angst flehte ich zu Gott, es endlich Tag werden zu lassen, damit wir nach Kladanj fahren können. Am Morgen gingen meine Mutter und ich, um Wasser zu suchen, obwohl wir mehr Hunger als Durst hatten. Neben der Wasserstelle stand ein Haus, dessen Wände voller Blut waren. Ich blieb stehen und wollte meine Mutter darauf aufmerksam machen, dann erstarrte ich aber beim Anblick, der sich mir bot. Ein gekreuzigter Mann stand an der Wand des Hauses. Diesen Anblick werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Voller Angst ging ich schnell zurück.
Die Gerüchte über die nächtlichen Massaker verbreiteten sich schnell. Es verging noch ein Tag und es lag noch eine schwere Nacht vor uns. Ich zitterte vor Angst und einer merkwürdigen Kälte. Vor der Dämmerung hörte man Schreie und Weinen. Vor die Fabrik kamen vergewaltigte und misshandelte Frauen, die dort der schweren Misshandlungen wegen starben. Der schauderhafte Anblick erfüllte meine Kinderaugen. An diesem Tag, 12. Juli, fuhren wir endlich nach Kladanj. Männer und Knaben wurden auf die andere Seite gewiesen, wobei man sagte, dass es einen anderen Bus für sie geben würde.
In Bratunac wurden wir angehalten. Dort forderte man Geld von uns und fragte, ob es unter uns Familienangehörige unserer Soldaten gibt. Sie zählten dabei einige Familiennamen auf. Die Serben aus Bratunac lachten und erhoben drei Finger. In Kravica wurde uns die gleiche Szene geboten, niemand durfte aber etwas sagen. Auf dem Weg zu Nova Kasaba sahen wir viele gefangengenommene Männer mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Viele erkannten unter ihnen ihre Familienmitglieder. Die Fahrt nach Kladanj kam mir vor wie eine Ewigkeit. Nach zwei Tagen in Dubrave brachte man uns im Schulgebäude in Mramor unter.
Heute besuche ich eine Handelsschule in Tuzla. Wann immer ich in die Ferne blicke, hoffe ich, dass von irgendwo mein Onkel auftauchen wird, über den wir bis heute nichts wissen. Seine beiden Töchter warten voller Hoffnung darauf, dass er kommt und wollen nicht glauben, dass es ihn nicht mehr gibt. Das Leben setzt sich unerbittlich fort. Wir müssen weiter durch das Leben, welches uns die schönsten Tage der Kindheit vorenthalten und geraubt hat. Das, was ich in Srebrenica erlebt habe, werde ich niemals vergessen können."
(Übernommen aus "Der Todessommer von Srebrenica")
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